Durchfallerkrankungen bei Milchkühen (Quellle: Unsplash)
Seit Mitte Juli treten schweizweit fieberhafte Durchfallerkrankungen bei Milchkühen auf, gepaart mit Leistungsrückgang und teilweise Festliegen. Dasselbe Geschehen wird auch in Süddeutschland und in Frankreich beobachtet.
Untersuchungen des Instituts für Virologie und Immunologie IVI haben bei mehreren akut erkrankten Tieren ein Orthobunyavirus der Simbu-Gruppe nachgewiesen, das bisher in der Schweiz nicht festgestellt worden war.
Um welches Virus es sich genau handelt und ob es die beobachteten Erkrankungen verursacht, wird derzeit genetisch abgeklärt. Die bisherigen Ergebnisse des IVI stimmen aber mit Erkenntnissen aus Frankreich und Deutschland überein.
Untersuchungen auf das Schmallenberg-Virus, aber auch andere bekannte Erreger wie die Viren der Blauzungenkrankheit oder der Epizootischen Hämorrhagie verliefen jedoch negativ.
In mehreren Serum- und Blutproben von unterschiedlichen Betrieben konnten jedoch hohe Virusgenommengen des Shamonda-Virus zum Zeitpunkt der Probenahme nachgewiesen werden.
Das sog. „Shamonda-like-Virus“ ist eng mit dem Schmallenberg-Virus verwandt und wird auch wie dieses und das Blauzungen-Virus durch Gnitzen übertragen. Infiziert werden überwiegend Wiederkäuer, insbesondere Rinder, Schafe und Ziegen.
Infektionen mit diesen Viren führen bei erwachsenen Tieren in der Regel zu einer kurzen Virämie und lediglich milden bis moderaten klinischen Erscheinungen. Von besonderer Bedeutung ist jedoch die mögliche Übertragung auf den Fetus während der Trächtigkeit.
Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion können Aborte, Totgeburten und schwere angeborene Fehlbildungen auftreten. Beim Schmallenberg-Virus waren hiervon insbesondere Schafe betroffen. In einzelnen Herden wurden bei bis zu 50 Prozent der Nachkommen Schädigungen beobachtet.
Bei Rindern waren fetale Schädigungen insgesamt deutlich weniger ausgeprägt.
Für das neu nachgewiesene „Shamonda-like“-Virus lässt sich derzeit noch nicht abschätzen, ob und in welchem Umfang Infektionen tragender Tiere zu Schädigungen der Feten führen können.
Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber oder Lämmer aus möglicherweise betroffenen Beständen sollten daher besonders aufmerksam untersucht werden.
Die Gnitzensaison dauert in der Schweiz witterungsabhängig bis etwa Ende November. Die höchste Aktivität der Gnitzen wird üblicherweise zwischen Juli und Oktober beobachtet.
Aufgrund der grundsätzlich effizienten Übertragung durch Gnitzen muss deshalb mit einer weiteren und möglicherweise schnellen Ausbreitung des Virus in empfänglichen Tierbeständen gerechnet werden.
Der Schutz der Tiere vor Insektenstichen kann dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu vermindern. Ein Impfstoff steht derzeit nicht zur Verfügung.
Diese Art Viren infizieren in der Regel nicht den Menschen und stellen nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko dar. Bei neu auftretenden und bislang unzureichend charakterisierten Viren dieser Gruppe muss ein mögliches zoonotisches Potenzial jedoch vorsorglich untersucht und im weiteren Verlauf aufmerksam beobachtet werden.
Ob die hohen Temperaturen zusätzlich zum Krankheitsgeschehen beigetragen, ist derzeit unklar. Hohe Temperaturen stellen insbesondere für Hochleistungsmilchkühe eine erhebliche Belastung dar und können die Tiere anfälliger für Erkrankungen machen.
Während Hitzeperioden müssen Tiere zudem konsequent vor Hitzestress geschützt werden, insbesondere durch ausreichend Wasser, Schatten und geeignete Kühlungsmassnahmen (siehe dazu die Empfehlungen und das Merkblatt des RGS).
Bei Symptomen wie Fieber, Durchfall oder Leistungsrückgang sollten Tierhaltende umgehend ihre Tierärztin oder ihren Tierarzt informieren.
Da das neue Virus nicht in der Tierseuchenverordnung geregelt ist, können keine Entschädigungen für allenfalls umgestandene Tiere geltend gemacht werden.
Informationen zum Thema:
IVI - Neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern entdeck
BLV - Erkrankungen bei Milchkühen: Untersuchungen liefern neue Hinweise
RGS - https://www.rgs-ntgs.ch/Fieberhafte-Durchfallerkrankungen-bei-Milchkuehen