Durchfallerkrankungen bei Milchkühen (Quellle: Unsplash)
Seit Mitte Juli treten schweizweit fieberhafte Durchfallerkrankungen bei Milchkühen auf, gepaart mit Leistungsrückgang und teilweise Festliegen. Das selbe Geschehen wird auch in Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, Österreich und zuletzt in den Niederlanden beobachtet.
Untersuchungen des Instituts für Virologie und Immunologie IVI, sowie anderen nationalen Referenzlaboratorien, haben ein Orthobunyavirus der Simbu-Gruppe nachgewiesen, das bisher in Europa nicht festgestellt worden war.
Bei dem Virus handelt es sich um das sog. Shamonda-like-Virus (SHAV). SHAV ist eng mit dem Schmallenberg- und Akabane-Virus verwandt und wird wie diese, sowie auch das Blauzungen-Virus, durch Gnitzen übertragen.
Hauptsächlich betrifft die Infektion Rinder. Auch Kleinwiederkäuer könnten sich infizieren, wobei SHAV bisher in Schafen und Ziegen noch nicht nachgewiesen wurden.
Infektionen führen in der Regel lediglich zu milden bis moderaten klinischen Erscheinungen. Die Tiere erholen sich meist relativ schnell nach wenigen Tagen bis nach 2-3 Wochen wieder. Aktuell wird in betroffenen Betrieben ein deutlicher Rückgang der Milchleistung und Futteraufnahme, Inaktivität, Fieber (>40 °C, 12 Tage) und teilweise wässriger Durchfall beobachtet. Diese Symptomatik tritt fast ausschließlich bei laktierenden Milchkühen auf, was durch die hohe metabolische Leistung erklärt werden kann.
Bei Symptomen wie Fieber, Durchfall oder Leistungsrückgang sollten Tierhaltende umgehend ihre Tierärztin oder ihren Tierarzt informieren.
Es findet keine direkte Übertragung von Tier zu Tier, jedoch können Infektionen mit Viren der Simbu-Gruppe während der Trächtigkeit zu Aborten, Totgeburten und schweren fetalen Schädigungen führen.
Für das neu nachgewiesene SHAV lässt sich derzeit noch nicht abschätzen, ob und in welchem Umfang Infektionen tragender Tiere zu Schädigungen der Feten führen können.
Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber oder Lämmer aus möglicherweise betroffenen Beständen sollten daher besonders aufmerksam untersucht werden.
Blut-Untersuchung
Folgendes Vorgehen wurde für weitere Laboruntersuchungen und Abklärungen zum neuen SHAV festgelegt (siehe Webseite IVI Link unten):
- Tierärzte können Proben von max. 3 akut erkrankten Tieren aus betroffenen Tierhaltungen zusammen mit dem ausgefülltem Untersuchungsantrag ans IVI schicken und füllen den Fragebogen von RGS (bzw. BGK, FB in Arbeit) aus.
- Die Kosten der Diagnostik am IVI werden vom BLV getragen.
- Die Kosten für die Probenerhebung durch die Bestandestierärzte sind von den Landwirtschaftsbetrieben zu tragen (KEINE Übernahme durch die Tierseuchenkasse).
Ziele:
- Abklären der akut betroffenen Tierhaltungen auf das Vorhandensein des neuen SHAV:
- Untersuchen eines möglichen Zusammenhangs einer Virusinfektion mit den beobachteten Erkrankungen
Abort-Untersuchungen
- Einsenden von Material von abortierten Föten zur Analyse ans IVI (max. 2 Materialien pro Abort): Hirn, Milz, Herzblut/Körperhöhlenflüssigkeit – KEINE Plazenta, KEINE ganzen Föten / ganze Köpfe.
- Ausschluss anderer Abortursachen → Bei Aborten ist immer das Untersuchungsprozedere gemäss TSV einzuhalten.
Mögliche Schutzmassnahmen
- Impfstoffe vermitteln den besten Schutz gegen eine Infektion, stehen derzeit jedoch nicht zur Verfügung.
Um das Infektionsrisiko während der Gnitzen-aktiven Zeit zu mindern, sollten empfängliche Tiere, sofern möglich, vor Gnitzen geschützt werden (Beispiele nicht abschliessend):
STALL
- Frequenz des Mistens und Einstreuens erhöhen
- Ventilatoren warten
- Tränketröge regelmäßig reinigen
- Milchkammer sauber und trocken halten
- engmaschige Fliegennetze installieren
AUSSENBEREICH / WEIDE
- Feuchtgebiete/Moorflächen meiden
- sumpfige Stellen trockenlegen
- Tränkebereich befestigen
- Wannen und offene Tröge regelmäßig reinigen
- Unterstand/Schutzhütte aufstellen
EINZELTIER
Zum Schutz vor möglichen Aborten, Totgeburten oder der Geburt von Kälbern mit schweren Missbildungen, könnte der Besamungszeitpunkt der Muttertiere so gelegt werden, dass die kritische Phase der Trächtigkeit (beim Rind etwa während der achten bis vierzehnten Trächtigkeitswoche) außerhalb der Gnitzen-aktiven Zeit liegt.
SHAV-Infektionen bei Pferden
Im Gehirngewebe von zwei verstorbenen Pferden konnte der Nachweis eines Shamonda-like Virus erbracht werden. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) hat diese Ergebnisse am 25. August 2026 bestätigt. Das Shamonda-like Virus wurde damit erstmals bei Pferden in der Schweiz nachgewiesen. Die Pferde stammten aus den Kantonen Aargau und Neuenburg. Aus der Literatur ist bekannt, dass Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe, zu der das Shamonda-Virus gehört, vor allem Wiederkäuer, in seltenen Fällen jedoch auch Pferde infizieren können. Ein Virusnachweis bei Pferden wurde in Europa bislang allerdings noch nie erbracht. Der Virusnachweis war ausschliesslich im Hirnmaterial möglich, während die Untersuchungen von Blut und Liquor negativ blieben. Dies könnte möglicherweise auf eine noch kürzere Virämie bei Pferden im Vergleich zu Rindern zurückzuführen sein. Weitere Abklärungen sind notwendig, um die Infektion bei Pferden besser zu verstehen. Das IVI arbeitet derzeit, die Diagnostik so weiterzuentwickeln, dass der Nachweis auch bei lebenden Pferden möglich wird.
Gnitzenaktivität
Die Gnitzensaison beginnt in der Schweiz witterungsabhängig im April / Mai und dauert bis ca. Ende November. Die höchste Aktivität der Gnitzen wird zwischen Juli und Oktober beobachtet.
Weiter zu erwartende Entwicklung
Mit steigender Temperatur steigt die Gnitzenvitalität und die Virusvermehrung in der Mücke. Die Entwicklungsgeschwindigkeit der Gnitzen sowie deren Schwarmaktivität nehmen ebenfalls zu. Infolge der beidseitigen Virusvermehrung sowohl im Wirt als
auch in der Mücke schaukelt sich die Virusbelastung zunehmend im Jahresverlauf hoch. Es muss deshalb mit einer möglicherweise schnellen Ausbreitung des Virus gerechnet werden.
Entschädigung
Da das neue Virus nicht in der Tierseuchenverordnung geregelt ist, können keine Entschädigungen für allenfalls umgestandene Tiere bei Kanton oder Bund geltend gemacht werden.
Es werden keine Kosten für die Probennahme durch die Bestandestierärzte übernommen.
Folgen der Hitzeperiode
Ob die hohen Temperaturen zusätzlich zum Krankheitsgeschehen beigetragen, ist derzeit unklar. Hohe Temperaturen stellen insbesondere für Hochleistungsmilchkühe eine erhebliche Belastung dar und können die Tiere anfälliger für Erkrankungen machen.
Während Hitzeperioden müssen Tiere zudem konsequent vor Hitzestress geschützt werden, insbesondere durch ausreichend Wasser, Schatten und geeignete Kühlungsmassnahmen (siehe dazu die Empfehlungen und das Merkblatt des RGS).
Besteht ein Gesundheitsrisiko für den Menschen?
Es wurde keine klinische Erkrankung beim Menschen durch SHAV nachgewiesen. Allgemein gelten Viren der Simbu-Serogruppe als nicht gefährlich für den Menschen.
Informationen zum Thema:
IVI - Neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern entdeck
BLV - Erkrankungen bei Milchkühen: Untersuchungen liefern neue Hinweise
RGS - https://www.rgs-ntgs.ch/Fieberhafte-Durchfallerkrankungen-bei-Milchkuehen
Stand: 25.08.2026